Was unsere Umgebung mit Klarheit, Aufmerksamkeit und Flow zu tun hat.
Im Gespräch mit Ordnungscoach Isabelle Walters.
Ein voller Schreibtisch, Dinge ohne festen Platz, eine Lade, in der man nichts mehr findet: Unordnung kostet oft nicht nur Zeit. Sie kann auch Aufmerksamkeit binden und für Unruhe sorgen.
Im FlowThatWorks Podcast habe ich mit Ordnungscoach Isabelle Walters darüber gesprochen, wie unsere Umgebung beeinflusst, wie klar und fokussiert wir durch den Alltag gehen.
Und darüber, warum Ordnung nicht bedeutet, möglichst wenig zu besitzen oder in einer perfekten Wohnung zu leben.
1. Isabelle, was bedeutet Ordnung für dich?
Ordnung ist sehr individuell. Was für den einen Menschen vollkommen übersichtlich ist, kann für jemand anderen schon chaotisch wirken.
Deshalb geht es mir nicht darum, Menschen ein bestimmtes Ordnungssystem überzustülpen. Entscheidend ist, dass die eigene Umgebung zum eigenen Alltag passt und man sich darin gut zurechtfindet.
Ein gutes Ordnungssystem soll das Leben leichter machen – nicht zusätzliche Arbeit verursachen.
2. Was hat äußere Ordnung mit innerer Klarheit zu tun?
Unsere Umgebung ist ständig präsent. Wenn viele Dinge herumliegen, nehmen wir sie wahr – bewusst oder unbewusst.
Ein Gegenstand kann dann quasi zu uns sprechen: „Lies mich doch endlich!“, „Reparier‘ mich endlich!“ Wenn Dinge dagegen ihren Platz haben und nicht herumliegen, „verstummen diese Stimmen“, und es kann auch im Kopf mehr Ruhe, Klarheit und Aufgeräumtheit entstehen.
Für mich bedeutet Ordnung deshalb nicht nur, dass ein Raum zusammengeräumt ist und so Ruhe ausstrahlt, sie kann auch dabei helfen, gedanklich Platz für andere Dinge zu schaffen, und sogar Klarheit bei Konflikten schaffen.
3. Was macht ein Ordnungssystem alltagstauglich?
Ein wichtiger Punkt ist, dass Dinge möglichst einen festen Platz haben.
Wenn ich jedes Mal überlegen muss, wo etwas hingehört, kostet das Energie. Wenn dagegen klar ist: „Das gehört hierher“, wird Aufräumen wesentlich einfacher.
Auch Kategorien helfen; ähnliche Dinge werden gemeinsam aufbewahrt und dort platziert, wo sie tatsächlich gebraucht werden.
Dabei gibt es aber keine allgemein richtige Lösung. Kategorien müssen für die Person funktionieren, die damit lebt.
Das Ziel ist nicht perfekte Ordnung. Das Ziel ist, möglichst wenig suchen und möglichst wenig darüber nachdenken zu müssen.
4. Das passt stark zum Thema Fokus. Kann eine geordnete Umgebung auch konzentriertes Arbeiten unterstützen?
Ja. Gerade am Arbeitsplatz können visuelle Reize schnell Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Das bedeutet aber nicht, dass jeder Mensch an einem komplett leeren Schreibtisch arbeiten muss. Manche brauchen eine sehr reduzierte Umgebung, andere fühlen sich mit bestimmten Bildern, Gegenständen oder persönlichen Dingen wohler und arbeiten dadurch sogar besser.
Auch hier gilt: Es muss zur Person passen.
Ein Arbeitsplatz sollte so gestaltet sein, dass er das unterstützt, was man dort tun möchte – und nicht ständig neue Ablenkungen erzeugen.
5. Und was hat das mit Flow zu tun?
Flow lässt sich nicht einfach einschalten. Aber wir können Bedingungen schaffen, unter denen konzentriertes Arbeiten leichter wird.
Wenn ich ständig Dinge suche, von Gegenständen abgelenkt werde oder das Gefühl habe, von offenen Aufgaben umgeben zu sein, wird es schwieriger, bei einer Sache zu bleiben.
Eine Umgebung, in der ich mich orientieren kann und in der möglichst wenig unnötige Reize um meine Aufmerksamkeit konkurrieren, kann deshalb eine gute Grundlage für Fokus sein.
Ordnung allein erzeugt natürlich keinen Flow. Aber sie kann eine der Rahmenbedingungen sein, die ihn wahrscheinlicher machen.
6. Muss man dafür zum Minimalisten werden?
Nein. Minimalismus kann für manche Menschen sehr gut funktionieren, aber er sollte kein Selbstzweck werden.
Es gibt Gegenstände, die Freude machen, Erinnerungen tragen oder einem Raum Persönlichkeit geben. Die müssen nicht verschwinden, nur damit möglichst wenig herumsteht.
Die bessere Frage ist: Tut mir dieser Gegenstand gut? Brauche ich ihn? Hat er für mich eine Bedeutung?
Ordnung soll entlasten. Sobald sie selbst zum Zwang wird, geht dieser Gedanke verloren.
7. Wie läuft ein Ordnungscoaching ab?
Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Manche Menschen brauchen Unterstützung für einen bestimmten Bereich ihrer Wohnräume, beispielsweise beim Neuordnen eines Bücherregals oder eines Kleiderschranks. Andere möchten größere Bereiche oder sogar eine ganze Wohnung neu strukturieren.
Ich komme zuerst immer mit meinem Gegenüber ins Gespräch, um herauszufinden, was diese Person ausmacht, was ihr wichtig ist, was sie für ihr Wohlbefinden braucht, welche Hobbies sie hat, etc.
Wir schauen dann gemeinsam: Was soll im Raum verändert werden, was soll bleiben, was gehen, was umgestaltet oder umstrukturiert werden.
Es geht nicht darum, dass ich komme und jemandem sage, wie er leben soll. Das System muss anschließend auch ohne mich funktionieren, und nicht ich soll mich mit dem Ergebnis des Umgestaltens wohl fühlen, sondern meine Kundin/ mein Kunde.
8. Viele Menschen wissen, dass sie in ihren Wohn- oder Arbeitsräumen etwas verändern möchten – fühlen sich aber von der Größe der Aufgabe überfordert. Wo sollten sie anfangen?
Nicht mit der ganzen Wohnung.
Das ist einer der häufigsten Fehler: Man nimmt sich zu viel auf einmal vor und verliert schon beim Gedanken daran die Motivation.
Lieber mit einer einzigen Lade starten, und deren Inhalt einmal vor sich ausbreiten. Dann kann mit dem Sortieren begonnen werden.
Dinge, die ich behalten möchte nach Kategorien ordnen, Dinge, die ich nicht mehr brauche, aussortieren, und Dinge, die ich reparieren lassen will, in einer eigenen Schachtel sammeln.
Weniger suchen. Weniger Ablenkung. Mehr Klarheit.
Was ich aus dem Gespräch mit Isabelle besonders mitnehme: Gute Ordnung ist kein Selbstzweck.
Sie soll uns nicht beschäftigen, sondern uns Arbeit abnehmen.
Wenn Dinge ihren Platz haben, wir weniger suchen müssen und unsere Umgebung nicht ständig um unsere Aufmerksamkeit konkurriert, bleibt mehr mentale Kapazität für das, was gerade wichtig ist.
Und genau dort trifft Ordnung auf eines der Kernthemen von FlowThatWorks:
Fokus entsteht nicht von selbst. Aber wir können die Bedingungen dafür schaffen.
Zum Gespräch
Das vollständige Interview mit Ordnungscoach Isabelle Walters gibt es im FlowThatWorks Podcast.

